Taz, 25.10.2012
Sterne, von Würmern genagt
Kunst "Bobe Mayses" in der Städtischen Galerie: der beeindruckend gelingende
Versuch einer jungen jüdischen Künstlerin, kreativ mit Geschichte umzugehen
VON HENNING BLEYL
Wer die Städtische Galerie betritt, gerät ins Kreuzfeuer. Von vorn knallt einem ein "U"
entgegen, dann ein "X", jetzt das "E". Nun kommt von links ein gejubeltes "Liberman!",
rechts pumpt eine hoch engagierte Cheerleading-Truppe den Namen Boxcar Bertha auf.
Dieses Inferno aus Heldinnen der Emanzipation und wild geschwenkten Pompons ist ein
Arrangement von Elianna Renner: einer jungen Zürich-Bremer Künstlerin, der dieser Clash of
Cultures sichtbaren Spaß bereitet. Zu Recht: US-amerikanische Cheerleader-Teams dazu zu
animieren, die Namen von Rosa Luxemburg oder Käthe Kollwitz zu skandieren, ist eine
befriedigende Leistung.
Wenn American Girls kommunistische Ikonen bejubeln, hat das besonderen Reiz - noch
weiter führt dieser Ansatz jedoch bei Frauen wie Raquel Liberman, die sich in Buenos für die
Zerschlagung von Zuhälterringen stark machte - und der Allgemeinheit komplett unbekannt
blieb. Solche Frauen zu "cheeren" hat fast etwas von postsexistischer Rehabilitierung.
41 Frauennamen später und 30 Stufen höher zeigt Renner das, was sie aus ihrer eigenen
Familienbiografie schöpft. Und das ist reichhaltig. Beispielsweise eine Reise nach Budapest,
in die Straße, in der Renners Großmutter lebte. Sie bittet ältere Anwohnerinnen, ihrer 1944
geflohenen Großmutter einen Gruß im DIN-A-4-Format zu schreiben. Die alten Leute tun das
gern, Renner fotografiert sie samt Gruß und zeigt die Bilder ihrer jetzt in der Schweiz
lebenden Großmutter. Und wo ist nun die Kunst? Beispielsweise auf dem Tonband, das die
Reaktionen der alten Frau, die nie wieder in Budapest war, beim Anblick der Bilder festhält.
Über Konzeptionalität wird gern und oft gelästert - in dieser Vorgehensweise feiert sie
durchschlagenden Erfolg. Schon der Titel der Arbeit könnte keine exaktere Punktlandung
darstellen: "Ein Eintausendsechshundertfünfundachtzigstel". Renners Großmutter war Teil
des aus 1.685 Personen bestehenden Budapester Kasztner-Transports.
Renner, eine jüdische Künstlerin des Jahrgangs 1977, reagiert in fast schon spielerischer
Weise auf die geschichtliche Last, auf die unfassbaren Erlebnisse und Leiden ihrer Familie
und anderer Rassismus-Opfer. So wie Roberto Benigni 1997 mit seiner KZ-Tragikomödie
"Das Leben ist schön" das Lachen im Kontext des Holocausts "erlaubte" - das Drehbuch
basiert zum Teil auf den Erfahrungen von Benignis Vaters in Bergen-Belsen -, so fällt auch in
Renners Kunst vor allem der kreative und trotz allem lebenslustige Zugriff auf die eigene
Geschichte auf.
Renners Vater war - als Kind - ebenfalls in Bergen-Belsen. "Wenn ich das Bekannten
gegenüber erwähne, fragen die oft: "Und, hat er überlebt?", erzählt die Tochter. Solche
Absurdität macht Renner fruchtbar, indem sie eine "Familiensaga" entwickelt, halb Märchen,
halb Realgeschichte, die man sich nun auf einer Tonspur in der Städtischen Galerie anhören
kann. Möchte jemand wissen, wie ein produktiver Umgang mit Auschwitz heute aussehen
kann? Die Städtische Galerie ist jeden Tag außer montags geöffnet.
Von Elianna Renners Haustür im Bremer Viertel bis nach Bergen-Belsen sind es 84,4
Kilometer. Diese Zahl verwandelt Renner in Wolle: In die aufgeribbelte Wolle vieler Pullis,
die sie, im fokussierenden Licht einer Stirnlampe sitzend, langsam auseinander zieht. Was die
Zuschauer parallel zu hören bekommen, ist nicht 84 Kilometer von Bergen-Belsen entfernt,
sondern 40 Jahre: Erzählungen aus Renners Kindheit und Jugend in Zürich, in denen das
Jüdischsein - seitens der Nachbarn - offenbar eine enorme Rolle spielte.
Renners "Astrolabium" hingegen macht geschichtliche Prozesse optisch präsent: Zunächst
glaubt man, Bilder eines überbordenden südlichen Sternenhimmels zu sehen - hat aber alte
Zeitungen vor sich. Es handelt sich um Ausgaben der letzten gedruckten jiddischen
Tageszeitungen, die spätestens in den 60er- Jahren ihr Erscheinen einstellten. Renner erbte
dieses Archiv, als es bereits wurmzerfressen war. Das Material, über verschlungene Wege
zwischen Kanada und Tel Aviv zu Renner gelangt, verwandelt die Künstlerin in ein
Messgerät: So wie ein Astrolabium den Abstand zwischen Sternen und Horizont misst, lotet
Renner die Lückenhaftigkeit in der intergenerationellen Geschichtsweitergabe aus.
"Bobe" heißt Großmutter, "Mayse" bedeutet im Jiddischen Geschichte oder Märchen. "Bobe
Mayses" ist Renners erste Einzelausstellung. 2009, nach einem HfK-Studium bei Karin
Kneffel und Francois Guiton, bekam sie den Bremer Förderpreis für bildende Kunst. Er wird
nicht der einzige bleiben.
Verlängert bis 17. November. Am Sonntag, 15 Uhr, führt die Kunsthistorikerin Carla
Habel durch Elianna Renners "Bobe Mayses"
Von Renners Haustür im Bremer Viertel bis nach Bergen-Belsen sind es 84,4 Kilometer.
Diese Zahl verwandelt sie in Wolle
Die Tageszeitung, 25.10.2012 - Hanning Bleyl
http://www.taz.de/l/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ra&dig=2012%2F10%2F25%2Fa0179&c
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